Rückschau auf den 8. Leipziger AVWS-Fachtag 2025

Aktuelle Herausforderungen bei AVWS-Leitlinien
und -Diagnostik

Podcast-Folge zum Spotlight 2 „Neuigkeiten aus dem medizinischen Bereich“
mit Prof. Dr. Michael Fuchs und PD Dr. Sylvia Meuret

Disclaimer:
Die hier erstellten Texte und Grafiken sind mittels KI generiert. Als Grundlage wurde das Transkript des Vortrags von PD. Dr. S. Meuret und Prof. Dr. M. Fuchs genutzt. Folge dessen sind die folgenden Inhalte keine allumfassende Betrachtung der Themenaspekte, sondern lediglich ein Abbild dessen, was auf der Bühne des AVWS-Fachtags 2025 gesprochen wurde!
Wir bitten daher von einer Weiterverarbeitung der hier präsentierten einzelnen Inhalte abzusehen.
Von uns umfassend aufbereitete Informationen zum Thema AVWS finden Sie dagegen unter https://avws.selbsthilfe.plus.

1. Einleitung und Komplexität der AVWS-Diagnostik

Die Diagnostik von Auditiven Verarbeitungs- und Wahrnehmungsstörungen (AVWS) ist ein hochkomplexes Feld in der Medizin, das sich deutlich von der Diagnose anderer Krankheitsbilder wie z.B. Diabetes Mellitus unterscheidet, bei denen klare Laborwerte eine eindeutige Definition ermöglichen. Bei AVWS ist die Situation ähnlich der Stimmdiagnostik, wo ein „ganzes Inventar von Untersuchungen“ benötigt wird, um ein umfassendes Bild zu erhalten. Es fehlen klare „Cut-off-Werte“, die eine eindeutige Diagnose oder spezifische Therapie ableiten könnten. Das übergeordnete Ziel ist eine individualisierte Medizin, die sich auf die bestmögliche Beschreibung der Beschwerden des Individuums konzentriert.

Dieser Vortrag, gehalten von Dr. Sylvia Meuret (Fachärztin für Phoniatrie und Pädaudiologie, HNO-Heilkunde) und Prof. Dr. Michael Fuchs (Leiter der Sektion Phoniatrie und Audiologie, Cochlea-Implantat Zentrum und Zentrum für Musikermedizin am Universitätsklinikum Leipzig), beleuchtet die aktuellen Entwicklungen im medizinischen Bereich bezüglich AVWS, insbesondere im Kontext von Leitlinien und aktuellen Umfrageergebnissen im deutschsprachigen Raum.

2. Medizinische Leitlinien: Bedeutung, Ziele und Klassifikation

Medizinische Leitlinien sind systematisch entwickelte Handlungsempfehlungen, die als Orientierungshilfe dienen und den „Standard of Care“ definieren.

2.1. Ziele und Kriterien von Leitlinien

Grafik Leuchtturm verdeutlicht Ziele und Kriterien von med. Leitlinien

Leitlinien verfolgen mehrere wichtige Ziele:

  • Verbesserung der Versorgungsqualität: Durch Vereinheitlichung diagnostischer und therapeutischer Vorgehensweisen.
  • Förderung der Patientensicherheit: Auch wenn bei AVWS keine lebensgefährlichen Nebenwirkungen zu befürchten sind, soll eine hohe Behandlungsqualität gewährleistet werden.
  • Transparenz medizinischer Entscheidungsprozesse: Die Erstellung und Begründung von Empfehlungen soll für Experten und Betroffene nachvollziehbar sein.
  • Vereinheitlichung der Behandlungsstandards: Reduzierung der Diversität in der Diagnostik und Therapie.
  • Unterstützung der evidenzbasierten Medizin: Empfehlungen sollen auf der Grundlage aktueller wissenschaftlicher Forschung basieren.
Grafik verschiedene Kriterien medi. Leitlinien

Wichtige Kriterien, die Leitlinien erfüllen sollen:

  • Evidenzbasiert: Gründung auf aktueller wissenschaftlicher Forschung, systematische Literaturauswertung unter Berücksichtigung von Studiendesign und Evidenzniveau. Es wird betont, dass die Zahl der Studien zu AVWS im Vergleich zu anderen Krankheitsbildern geringer ist.
  • Transparent und interdisziplinär entwickelt: Klare Methodik (z.B. Klassifikation S1-S3) und Beteiligung multiprofessioneller Gruppen (Ärzte, Pflege, Patientenvertretung) sowie verschiedener Fachgesellschaften.
  • Praxisorientiert: Konkrete Handlungs- und Entscheidungshilfen, oft in Form von strukturierten Algorithmen.
  • Regelmäßig aktualisiert: Anpassung an neue wissenschaftliche Erkenntnisse, Gültigkeitsdauer meist 3-5 Jahre.
  • Rechtlich nicht bindend, aber hoher Stellenwert: Sie sind Orientierungshilfen und dienen als medizinischer „Standard of Care“, können aber im Einzelfall abweichen.

2.2. Klassifikation von Leitlinien

Grafik zu den unterschiedlichen Klassifikationen medi. Leitlinien, aufsteigend dargestellt

Leitlinien werden nach ihrem Entwicklungsaufwand und der Qualität der Evidenz klassifiziert:

  • S1 (Konsensbasiert): Basierend auf Expertenmeinung ohne systematische Recherche. Dies ist die geringste Qualitätsstufe.
  • S2e (Evidenzbasiert): Mit systematischer Recherche.
  • S2k (Konsensbasiert): Mit strukturiertem Konsensprozess.
  • S3 (Evidenz- + Konsensbasiert): Die höchste Qualitätsstufe, die alle Prozesse ideal vereint.

Die aktuelle deutschsprachige AVWS-Leitlinie ist eine S1-Leitlinie, was bedeutet, dass sie hauptsächlich auf Expertenkonsens basiert, da die Studienlage noch begrenzt ist. Sie ist abgelaufen und muss überarbeitet werden.

3. Internationale Leitlinien und Konsenspapiere zu AVWS

Grafik Wegweiser verschiedene internationale medi. Leitlinien zu AVWS

Die Erstellung von Leitlinien ist kein rein deutsches Phänomen. Es gibt auch internationale Leitlinien und Konsenspapiere, die jedoch unterschiedliche Konzepte von AVWS verfolgen. Die Definition und Schwerpunkte variieren je nach Land:

  • USA (2016): Erwähnt Alter, Testung für Erwachsene, Dysfunktion im ZNS, Defizit der Hörfähigkeit, AVWS zusammen mit SES, AVWS spezifisch für Hören, AVWS primär Problem der auditiven Aufmerksamkeit, Fehlhörigkeit, ZNS Netzwerk.
  • Deutschland (2019): Erwähnt Alter nicht explizit, Testung für Erwachsene nicht explizit.
  • Kanada (2012), Australien (2015), UK (2018), Neuseeland (2018): Zeigen unterschiedliche Betonungen der Konzepte (z.B. auditive Aufmerksamkeit, klinische Entität, Hierarchie).
  • Niederlande (2017): Erwähnt Alter, spricht aber explizit nur von Kindern.
  • Europa (2017): Erwähnt Alter, Testung für Erwachsene.

3.1. Das Europäische Konsensuspapier (2017)

Grafik Übersicht Diagnosekriterien des Europ. Konsensuspapiers AVWS 2017

Das Europäische Konsensuspapier, veröffentlicht in „Front Neurol. 2017 Nov 21;8:622“ von Iliadou et al., ist ein wichtiges Dokument, obwohl es nicht mehr topaktuell ist. Es legt klare Kriterien für die Diagnose von AVWS fest:

  • Reintonaudiometrie: Hörschwelle ≤ 5dB Hörverlust für jede Frequenz von 0,25 kHz bis 8 kHz pro Ohr.
  • Auffällige Testergebnisse in der auditiven Verarbeitung: Testergebnis ≤ 2 SD (Standardabweichungen) in mindestens 2 validierten Tests für die auditive Verarbeitung, die unterschiedliche Prozesse testen. Nichtsprachliche Tests sollten enthalten sein.
  • Nonverbale Intelligenz: > 80.
  • Fähigkeit, Instruktionen zu folgen: Patient muss Testinstruktionen verstehen und zuverlässig das Pre-Testing absolvieren können.
  • Alter: ≥ 7 Jahre. Dies wird damit begründet, dass die auditive Verarbeitung ein Reifungsprozess ist und jüngere Kinder oft noch auffällige Ergebnisse zeigen, die altersbedingt sind.

Die deutschsprachige Leitlinie weicht in einigen Punkten vom europäischen Konsensuspapier ab, insbesondere was die explizite Erwähnung des Alters und der Testung bei Jugendlichen und Erwachsenen betrifft.

4. Umfrage zur AVWS-Diagnostik im deutschsprachigen Raum

Eine Online-Umfrage, initiiert in Kooperation mit dem Berufsbildungswerk (BBW) Leipzig und über die Mailverteiler der Deutschen Gesellschaft für Phoniatrie und Pädaudiologie (DGPP) sowie der Schweizerischen Gesellschaft für Phoniatrie (SGP) versandt, liefert erste Einblicke in die Diagnostikpraxis.

4.1. Umfragedesign und Teilnehmerstruktur

Grafik Übersicht Umfragedetails DGPP-Befragung 2024-2025
  • Online-Umfrage: 20 Fragen.
  • Teilnehmer: 154 von ca. 285 aktiven DGPP-Mitgliedern und 49 SGP-Mitgliedern.
  • Geografische Verteilung: 87 % der Teilnehmer aus Deutschland.
  • Tätigkeitsort: 48 % aus ärztlichen Praxen, 41 % aus Krankenhäusern der Maximalversorgung, 2 % aus Bildungseinrichtungen.
  • Testdurchführung: 84 % der Teilnehmer gaben an, alle AVWS-Tests in ihrer eigenen Einrichtung durchzuführen.

4.2. Ergebnisse: Diagnostikhäufigkeit nach Altersgruppen

Grafik Ergebnis DGPP_Befreagung zur Häufigkeit der AVWS-Diagnostik nach Altersgruppen

Die Umfrage zeigt deutliche Unterschiede in der Häufigkeit der AVWS-Diagnostik nach Altersgruppen:

  • Kinder (< 12 Jahre): Der Großteil der Einrichtungen führt pro Jahr bis zu 70 Diagnosen durch, einzelne sogar bis zu 1500. Die Diagnostik bei Kindern ist am weitesten verbreitet.
  • Jugendliche (12-18 Jahre): Die überwältigende Mehrheit führt bis zu 200 Diagnosen pro Jahr durch, einzelne auch hier bis zu 1500.
  • Erwachsene (> 18 Jahre): Die Diagnostik ist wesentlich seltener. Es gibt jedoch Einrichtungen, die bis zu 100 Erwachsene pro Jahr diagnostizieren, und eine einzelne Einrichtung diagnostiziert bis zu 200 Erwachsene pro Jahr.

4.3. Ergebnisse: Einsatz von Screenings und Verantwortlichkeit

Grafik Überblick über Screening und Verantwortlichkeit bei AVWS-Diagnostik
  • Screening vor Diagnostik: Die meisten Kollegen führen kein Screening durch, sondern gehen direkt in die ausführliche Diagnostik. Gründe für keine ausführliche Diagnostik sind u.a. ein unauffälliges Screening oder Ausschlusskriterien aus dem europäischen Konsensuspapier.
  • Verantwortung für AVWS-Diagnostik bei Erwachsenen: Eine deutliche Mehrheit von 75 % der befragten Phoniater und Pädaudiologen sieht ihr Fachgebiet in der Verantwortung, die federführende Diagnostik bei Jugendlichen und Erwachsenen zu übernehmen. Dies ist ein „berufspolitisches Statement“, das in die neue Leitlinie eingebracht werden soll.

5. Zusammenfassung und Ausblick

Die wichtigsten Erkenntnisse aus Leitlinien und Umfrage lassen sich wie folgt zusammenfassen:

  • Die deutschsprachige S1-Leitlinie zu AVWS ist in Überarbeitung und abgelaufen.
  • Bislang gibt es keine klaren Aussagen in der Leitlinie zu AVWS im Jugend- und Erwachsenenalter.
  • Jugendliche und Erwachsene werden im deutschsprachigen Raum grundsätzlich auf AVWS getestet, wenn auch nicht so verbreitet wie im Kindesalter.
  • Phoniater und Pädaudiologen können sich vorstellen, federführend die Diagnostik bei Jugendlichen und Erwachsenen zu übernehmen.

5.1. Herausforderungen und zukünftige Entwicklungen

Grafik Herausforderungen und zukünftige Entwicklungen in der AVWS-Diagnostik
  • Individualisierte Medizin: Ziel ist eine individuelle Beschreibung der Beschwerden, da klare Cut-Off-Werte wie in anderen medizinischen Feldern unwahrscheinlich sind.
  • Überarbeitung der deutschen Leitlinie: Der Prozess zur Aktualisierung ist eingeleitet. Es wird erwartet, dass eine neue Version Mitte/Ende 2025 verfügbar sein könnte, wobei Überarbeitungen in der Regel schneller sind als die Ersterstellung.
  • Standardisierte Testverfahren für Jugendliche und Erwachsene: Es gibt derzeit keinen allgemeingültigen Standard oder ein festes „Test-Manual“ für AVWS-Diagnostik bei Jugendlichen und Erwachsenen. Stattdessen existiert ein „Baukastensystem“ an Tests. Es wird angestrebt, dass sich ein wachsendes Portfolio an Tests entwickelt und Standards für die Durchführung definiert werden.
  • Screening-Instrumente: Es wird die Hoffnung geäußert, dass mittelfristig ein Screening-Instrument für AVWS bei Jugendlichen und Erwachsenen entwickelt werden kann.
  • Diagnostik bei Zweitspracherwerb: Die Diagnostik bei Kindern mit Zweitspracherwerb hängt stark von den Deutschkenntnissen ab, insbesondere da sprachgebundene Tests die Mehrheit bilden. Die Verständlichkeit der Testinstruktionen ist entscheidend.
  • Differenzialdiagnostik (LRS, ADHS, SES): AVWS wird nicht mehr primär als Ausschlussdiagnose definiert. Ein paralleles Bestehen verschiedener Krankheitsbilder ist möglich und erfordert eine individuelle Beschreibung, um das führende Störungsbild zu erkennen und die Therapie entsprechend zu priorisieren. Es wird betont, dass bei bekannter ADHS unter Medikation die Tests zum Zeitpunkt der Medikamenteneinnahme durchgeführt werden sollten.
  • Zugang zu Leitlinien: Die Leitlinien sind online über die AWMF-Website oder die Webseite der DGPP verfügbar, sowohl in einer Experten- als auch einer für Betroffene verständlichen Version.

Die Referenten betonen, dass der Fortschritt in der AVWS-Diagnostik ein kontinuierlicher Prozess ist, der Geduld und gemeinsame Anstrengungen erfordert.

Hier ist ein 8-Fragen-FAQ, das die Hauptthemen und -ideen der bereitgestellten Quellen zusammenfasst:

1. Was sind medizinische Leitlinien und welche Bedeutung haben sie für die Diagnose und Behandlung von AVWS?

Grafik eines Leuchtturms zum Erreichen von Exzellenz in der AVWS-Versorgung

Medizinische Leitlinien sind systematisch entwickelte Handlungsempfehlungen, die darauf abzielen, die Qualität der Patientenversorgung zu verbessern, die Patientensicherheit zu fördern und medizinische Entscheidungsprozesse transparent zu gestalten. Sie dienen der Vereinheitlichung von Behandlungsstandards und unterstützen die evidenzbasierte Medizin, indem sie auf aktueller wissenschaftlicher Forschung basieren und regelmäßig aktualisiert werden. Für die Diagnose und Behandlung von Auditiven Verarbeitungs- und Wahrnehmungsstörungen (AVWS) sind Leitlinien von hoher Bedeutung, da sie Ärzten und anderen Fachkräften Orientierung bieten, auch wenn sie rechtlich nicht bindend sind. Sie etablieren einen medizinischen „Standard of Care“, obwohl die Diagnose von AVWS, ähnlich wie bei Stimmstörungen, eine Herausforderung darstellt, da es keine einfachen „Cut-off“-Werte gibt wie bei anderen Krankheitsbildern (z.B. Diabetes). Stattdessen erfordert sie eine umfassende, individualisierte Beschreibung der Beschwerden basierend auf einem Inventar verschiedener Untersuchungen.

2. Wie werden medizinische Leitlinien klassifiziert und welche Qualität hat die aktuelle deutschsprachige AVWS-Leitlinie?

Grafik zu den unterschiedlichen Klassifikationen medi. Leitlinien, aufsteigend dargestellt

Medizinische Leitlinien werden nach ihrem Entwicklungsaufwand und der Qualität der zugrunde liegenden Evidenz klassifiziert:

  • S1-Leitlinie: Basieren auf Expertenmeinung ohne systematische Literaturrecherche. Dies ist die niedrigste Qualitätsstufe.
  • S2e-Leitlinie: Evidenzbasiert mit systematischer Literaturrecherche.
  • S2k-Leitlinie: Konsensbasiert durch einen strukturierten Konsensprozess.
  • S3-Leitlinie: Kombinieren Evidenz- und Konsensbasierung und stellen die höchste Qualitätsstufe dar.

Die aktuelle deutschsprachige Leitlinie zur AVWS ist eine S1-Leitlinie. Dies bedeutet, dass sie hauptsächlich auf dem Konsens von Expertenmeinungen basiert, da die wissenschaftliche Evidenzlage im Bereich AVWS (insbesondere im Vergleich zu anderen medizinischen Fachbereichen) noch begrenzt ist. Obwohl sie die geringste Qualitätsstufe aufweist, ist sie dennoch ein wichtiger Grundstein, da nicht jedes Krankheitsbild überhaupt eine Leitlinie besitzt. Diese Leitlinie ist jedoch abgelaufen und muss überarbeitet werden, um neue wissenschaftliche Erkenntnisse und klinische Erfahrungen zu integrieren.

3. Welche wesentlichen Unterschiede gibt es in den Konzepten von AVWS in internationalen Leitlinien und Konsenspapieren?

Grafik tabellenartig AVWS-Konzepte in internationalen Leitlinien im Vergleich

Internationale Leitlinien und Konsenspapiere zu AVWS zeigen unterschiedliche Schwerpunkte und Definitionen. Einige wichtige Konzepte sind:

  • Alter: Nicht alle Leitlinien erwähnen explizit das Alter für die Diagnostik oder die Testung von Jugendlichen und Erwachsenen. Das europäische Konsenspapier von 2017 empfiehlt ein Mindestalter von 7 Jahren für die AVWS-Diagnostik, da die auditive Verarbeitung und Wahrnehmung einen Reifungsprozess durchläuft.
  • Fokus der Störung: Manche Länder betonen die auditive Aufmerksamkeit als wichtigsten Punkt, andere sehen AVWS spezifisch als Hörproblem oder sogar als Teil von Störungen des zentralen Nervensystems (ZNS), das durch kognitive, sensomotorische und Belohnungssysteme moduliert wird.
  • Diagnose als klinische Entität: Einige Länder erkennen AVWS als eigenständige Diagnose an (z.B. ICD-10 Nummer F80.20 in Deutschland), während andere sie eher als eine „Fehlhörigkeit“ ohne festes theoretisches Konstrukt betrachten.
  • Testung bei Erwachsenen: Während das europäische Konsenspapier die Testung von Jugendlichen und Erwachsenen explizit einschließt, erwähnen andere Leitlinien (z.B. die deutsche Leitlinie in der abgelaufenen Version) diese nicht explizit.

Diese Heterogenität zeigt, dass es noch keine allgemein gültige internationale Definition von AVWS gibt und die Konzepte je nach Land variieren können.

4. Welche Kriterien legt das Europäische Konsenspapier für die Diagnose von AVWS fest?

Grafik Übersicht Diagnosekriterien des Europ. Konsensuspapiers AVWS 2017

Das Europäische Konsenspapier von 2017 legt spezifische Kriterien für die Diagnose von AVWS fest:

  • Reintonaudiometrie: Die Hörschwelle sollte ≤ 5 dB Hörverlust für jede Frequenz von 0,25 kHz bis 8 kHz pro Ohr betragen. Dies stellt sicher, dass keine periphere Schwerhörigkeit vorliegt, die die Ergebnisse der AVWS-Tests verfälschen könnte.
  • Auffällige Testergebnisse in der auditiven Verarbeitung: Das Testergebnis sollte in mindestens zwei validierten Tests für die auditive Verarbeitung, die unterschiedliche Prozesse testen, unterhalb von 2 Standardabweichungen ( 2 SD) liegen. Dabei sollten nichtsprachliche Tests enthalten sein, um sprachliche Kompetenzen von der eigentlichen auditiven Verarbeitung abzugrenzen.
  • Nonverbale Intelligenz: Die nonverbale Intelligenz des Patienten sollte über 80 liegen, um sicherzustellen, dass die Testergebnisse nicht auf einer allgemeinen kognitiven Einschränkung beruhen.
  • Fähigkeit, Instruktionen zu folgen: Der Patient muss in der Lage sein, die Testanweisungen in einer idealen Umgebung zu verstehen und ihnen zu folgen, sowie das Pre-Testing zuverlässig absolvieren können.
  • Alter: Das Mindestalter für die Diagnostik ist 7 Jahre. Dies berücksichtigt den Reifungsprozess der binauralen Hörverarbeitung.

Diese Kriterien zielen darauf ab, eine standardisierte und validierte Grundlage für die AVWS-Diagnose zu schaffen.

5. Was sind die Ergebnisse der Umfrage zur AVWS-Diagnostik im deutschsprachigen Raum bezüglich der Häufigkeit nach Altersgruppen?

Grafik Ergebnis DGPP_Befreagung zur Häufigkeit der AVWS-Diagnostik nach Altersgruppen

Die Umfrage zur AVWS-Diagnostik im deutschsprachigen Raum, an der 154 Teilnehmer (hauptsächlich aus Deutschland) teilnahmen, zeigte deutliche Unterschiede in der Diagnostikhäufigkeit nach Altersgruppen:

  • Kinder (<12 Jahre): Der absolute Großteil der Befragten führt jährlich etwa 70 AVWS-Diagnostiken bei Kindern durch. Es gibt jedoch einzelne Einrichtungen, die bis zu 1500 Untersuchungen pro Jahr vornehmen. Dies zeigt, dass die Diagnostik im Kindesalter am weitesten verbreitet ist.
  • Jugendliche (12-18 Jahre): Bei Jugendlichen ist die Diagnostikhäufigkeit geringer. Die überwältigende Mehrheit führt bis zu 200 Untersuchungen pro Jahr durch, wobei auch hier einzelne Einrichtungen bis zu 1500 Diagnostiken melden.
  • Erwachsene (>18 Jahre): Die Diagnostik bei Erwachsenen ist am wenigsten verbreitet. Die Balken sind wesentlich schmaler, aber es gibt immer noch etwa 100 Einrichtungen im Mailverteiler, die Erwachsene mit AVWS diagnostizieren, und eine Einrichtung, die bis zu 200 Erwachsene pro Jahr untersucht.

Die Ergebnisse zeigen eine klare Tendenz: Je älter die Patientengruppe, desto seltener wird eine AVWS-Diagnostik durchgeführt, obwohl die Notwendigkeit bei Jugendlichen und Erwachsenen durchaus gegeben ist.

6. Wer sollte laut Umfrageergebnissen die Verantwortung für die AVWS-Diagnostik bei Erwachsenen übernehmen?

Die Umfrageergebnisse zeigen ein klares Votum der Teilnehmer, hauptsächlich Phoniater und Pädaudiologen: Mit 75% der Antworten sehen sich diese Fachärzte in der Verantwortung, federführend die AVWS-Diagnostik auch bei Erwachsenen zu übernehmen. Dies ist bemerkenswert, da Phoniater und Pädaudiologen traditionell eher auf das Kindesalter und kindliche Schwerhörigkeit spezialisiert sind.

Dieser Wunsch unterstreicht ein „berufspolitisches Statement“, das voraussichtlich auch in die Überarbeitung der deutschen Leitlinie einfließen wird. Die Tatsache, dass viele dieser Fachärzte auch eine Qualifikation im HNO-Bereich (Hals-Nasen-Ohrenheilkunde) besitzen, wird als vorteilhafte Mischung angesehen, um die Diagnostik im Erwachsenenalter abzudecken. Die Umfrageergebnisse betonen die Bereitschaft und den Bedarf, die Diagnostik auf ältere Patientengruppen auszuweiten.

7. Sollten andere Störungen wie LRS oder ADHS vor einer AVWS-Diagnose ausgeschlossen werden?

Grafik Übergang zu einem umfassenden AVWS-DIagnoseansatz in Form einer Waage dargestellt

Die aktuelle medizinische Sichtweise hat sich von der Vorstellung einer reinen Ausschlussdiagnose für AVWS gewandelt. Früher wurde oft angenommen, dass Legasthenie (LRS) oder Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) ausgeschlossen sein müssen, bevor eine AVWS diagnostiziert werden kann. Heute ist die vorherrschende Meinung, dass verschiedene Krankheitsbilder durchaus parallel bestehen können.

Statt eines Ausschlusses sollten LRS und ADHS diagnostiziert und die Ergebnisse in die Gesamtbewertung der Befunde einbezogen werden. Die Aufgabe der Diagnostik besteht darin, so genau wie möglich individuell zu beschreiben, welches das führende Krankheitsbild ist und wo die Therapie primär ansetzen sollte. Wenn beispielsweise eine bekannte ADHS vorliegt und medikamentös behandelt wird, sollten Tests für AVWS idealerweise während der Medikation durchgeführt werden, um die tatsächliche auditive Verarbeitungsfähigkeit unter optimierten Bedingungen zu beurteilen. Es geht darum, ein individuelles Therapiekonzept zu erstellen, das allen bestehenden Bedarfen gerecht wird.

8. Gibt es standardisierte Testverfahren oder ein Diagnostik-Manual für Jugendliche und Erwachsene mit AVWS, und wann ist damit zu rechnen?

Grafik Abwägen von Standardisierung und Individualisierung in der AVWS-Diagnostik in Form einer Waage dargestellt

Es gibt derzeit kein allgemeingültiges, standardisiertes Diagnostik-Manual mit einer festen Liste von Testverfahren, die zwingend für die Diagnose von AVWS bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen durchgeführt werden müssen. Dies liegt an der Komplexität des Krankheitsbildes und der noch begrenzten Evidenzlage im Vergleich zu anderen medizinischen Bereichen. Während das Europäische Konsenspapier numerische Cut-offs (mindestens zwei Tests schlechter als zwei Standardabweichungen) und die Notwendigkeit nichtsprachlicher Tests fordert, definiert es nicht genau, welche spezifischen Tests das sein müssen.

Die Verfügbarkeit und Nutzung von Testverfahren variiert zwischen den Einrichtungen. Es wird erwartet, dass sich eher ein wachsendes Portfolio an Tests entwickeln wird, aus dem ausgewählt werden kann, ähnlich einem Baukastensystem. Bedingungen könnten definiert werden, welche Arten von Tests mindestens verwendet werden sollten. Ein umfassendes, einheitliches Manual wird als unwahrscheinlich und möglicherweise auch nicht sinnvoll erachtet, da eine individualisierte Diagnostik und Therapie im Vordergrund stehen.

Was mittelfristig jedoch erwartet wird, ist die Entwicklung eines Screening-Instruments für AVWS bei Jugendlichen und Erwachsenen. Dies könnte dazu beitragen, mehr Daten über AVWS in diesen Altersgruppen zu sammeln und den Diagnostikprozess zu vereinfachen, auch wenn es kein vollständiges Diagnostik-Manual ersetzen wird.

Grafik Wünschenswerte Entwicklung der AVWS-Diagnostik für Jugendliche und Erwachsene

Auf der Bühne referierten:

  • PD Dr. Sylvia Meuret:
    Fachärztin (Oberärztin) für Phoniatrie und Pädaudiologie und für HNO-Heilkunde sowie Allergologie am Universitätsklinikum Leipzig, HNO-Klinik und Poliklinik, Sektion Phoniatrie und Audiologie, stellv. Leiterin des Cochlea-Implantat-Zentrums
  • Prof. Dr. Michael Fuchs:
    Facharzt für Phoniatrie und Pädaudiologie und für HNO-Heilkunde am Universitätsklinikum Leipzig, HNO-Klinik und Poliklinik, Sektion Phoniatrie und Audiologie, Leiter der Sektion Phoniatrie und Audiologie, Leiter des Cochlea-Implantat-Zentrums, Leiter des Zentrums für Musikermedizin

Expertise der beiden Dozierenden:

  • Langjährige klinische Betreuung von Patient*innen mit AVWS in allen Altergruppen, Forschung und Lehre zu AVWS, Mitglied des Forschungsnetzwerkes Zentrale auditive Verarbeitung und Wahrnehmung, enge Zusammenarbeit mit dem BBW Leipzig bei Betreuung von Teilnehmenden und Forschung, Etablierung einer ärztlichen Betreuung von Klient*innen am BBW Leipzig
  • Beteiligung an den BBW-Forschungsprojekten entweder als direkter Kooperationspartner oder über die beratenden Beiräte

Hauptbotschaften:

  • In den medizinischen AVWS-Leitlinien anderer Länder werden Jugendlichen und Erwachsene explizit berücksichtigt, in der deutschen Leitlinie fehlt dies.
  • Die aktuelle deutsche medizinische AVWS-Leitlinie ist abgelaufen; eine neue Leitlinie wird erstellt.
  • Die Sektion Phoniatrie und Audiologie des UKL und das BBW Leipzig haben eine Online-Umfrage über den Ist-Zustand der AVWS-Diagnostik in Deutschland und der Schweiz initiiert und durchgeführt.
  • Das medizinische Fachgebiet Phoniatrie und Pädaudiologie fühlt sich für die Diagnostik von Jugendlichen und Erwachsenen mit AVWS federführend verantwortlich.

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Glossar

  • Auditive Verarbeitungs- und Wahrnehmungsstörung (AVWS): Eine Störung der Verarbeitung oder Interpretation akustischer Informationen durch das Gehirn, die nicht durch eine periphere Hörstörung erklärt werden kann.
  • Leitlinien (medizinisch): Systematisch entwickelte Handlungsempfehlungen, die den aktuellen Stand des Wissens widerspiegeln und Ärzten und Patienten bei Entscheidungen über angemessene Gesundheitsversorgung helfen. Sie sind rechtlich nicht bindend, haben aber einen hohen Stellenwert als „Standard of Care“.
  • Evidenzbasierte Medizin: Eine Herangehensweise in der Medizin, bei der Entscheidungen über die Patientenversorgung auf der Grundlage der besten verfügbaren wissenschaftlichen Beweise (Evidenz) getroffen werden.
  • Transparenz (von Leitlinien): Die klare und nachvollziehbare Darstellung der Methodik, der beteiligten Gruppen und der Entscheidungsprozesse bei der Entwicklung von Leitlinien.
  • Interdisziplinär entwickelt: Die Einbeziehung und Zusammenarbeit verschiedener medizinischer Fachrichtungen, Berufe (z. B. Ärzt:innen, Pflege, Patientenvertretung) und Fachgesellschaften bei der Erstellung von Leitlinien.
  • S1-Leitlinie: Die einfachste Form einer Leitlinie, die primär auf Expertenmeinungen und einem informellen Konsens basiert, ohne systematische Literaturrecherche.
  • S2e-Leitlinie: Eine evidenzbasierte Leitlinie, die eine systematische Literaturrecherche beinhaltet.
  • S2k-Leitlinie: Eine konsensbasierte Leitlinie, die einen strukturierten Konsensprozess (z. B. Delphi-Verfahren) zur Meinungsbildung verwendet.
  • S3-Leitlinie: Die höchste Qualitätsstufe einer Leitlinie, die sowohl evidenzbasiert (systematische Recherche) als auch konsensbasiert (strukturierter Konsensprozess) ist.
  • Reintonaudiometrie: Eine Hörprüfung, bei der die Hörschwelle für verschiedene Frequenzen ermittelt wird, um die Funktion des peripheren Hörorgans zu beurteilen.
  • Standardabweichung (SD): Ein statistisches Maß für die Streuung von Datenpunkten um den Mittelwert. In der Diagnostik werden oft Werte, die um 2 Standardabweichungen (oder mehr) vom Mittelwert abweichen, als auffällig betrachtet.
  • Phoniatrie und Pädaudiologie: Ein medizinisches Fachgebiet, das sich mit Störungen der Stimme, Sprache, des Sprechens, des Schluckens und des Hörens bei Kindern und Erwachsenen befasst.
  • Berufsbildungswerk (BBW): Eine Einrichtung, die Menschen mit Behinderungen oder spezifischem Förderbedarf bei der beruflichen Ausbildung und Integration unterstützt.
  • Deutsche Gesellschaft für Phoniatrie und Pädaudiologie (DGPP): Die wissenschaftliche Fachgesellschaft für Phoniatrie und Pädaudiologie in Deutschland.
  • Schweizerische Gesellschaft für Phoniatrie (SGP): Die wissenschaftliche Fachgesellschaft für Phoniatrie in der Schweiz.
  • Screening: Eine erste, oft schnell durchzuführende Untersuchung, um Personen mit einem erhöhten Risiko für eine bestimmte Erkrankung oder Störung zu identifizieren, bevor eine ausführliche Diagnostik erfolgt.
  • Individualisierte Medizin: Ein Ansatz in der Medizin, der die Diagnose und Therapie an die individuellen Merkmale eines Patienten anpasst, anstatt sich ausschließlich auf allgemeine Richtlinien zu verlassen.
  • ADHS (Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung): Eine neurobiologische Entwicklungsstörung, die durch Probleme mit Aufmerksamkeit, Hyperaktivität und Impulsivität gekennzeichnet ist.
  • LRS (Lese-Rechtschreib-Schwäche): Eine spezifische Lernstörung, die sich durch erhebliche Schwierigkeiten beim Erwerb des Lesens und/oder Schreibens auszeichnet, obwohl die allgemeine Intelligenz normal ist.
  • ICD-10 (F80.20): Eine spezifische Klassifikation im Internationalen Klassifikationssystem für Krankheiten (10. Revision), die für die Auditive Verarbeitungs- und Wahrnehmungsstörung verwendet wird.